Es fängt in der 3. Klasse an. Man geht zum Turnen, bei dem die Mutter einen angemeldet hat und macht fleißig mit weil man die Eltern nicht enttäuschen möchte. Eine Freundin ist dabei und man spricht mit ihr. Am Vorabend hat man seinem Bruder zu geguckt, wie er ein Spiel spielte. Eine Melodie war dabei. Man hat sich in diese Melodie verliebt und summt sie den ganzen Tag um sie nicht zu vergessen. Natürlich führt man ein Tagebuch. Und die Freundin hat sich auch eins gekauft und fragt, was man heute Abend in sein Tagebuch schreibt. Und man antwortet: "Ich nehme einen Briefumschlag und summe die Melodie herein, so dass ich sie mir immer anhören kann, wenn ich möchte." - Die Freundin schaut nur verwundert und schon ist man als dumm abgestempelt. Als wäre das so unvorstellbar.
In der 4. Klasse erzählt man schreckliche Sachen und die Gedanken sind obsessiv. Man liebt Horrorfilme mehr als die Komödien die gerade im Kino laufen. Man lacht darüber wenn jemand in den Filmen stirbt, während alle anderen sich die Hände vor das Gesicht halten oder von Blut kotzen müssen, findet man es interessant und freut sich wenn man die Knochen sehen kann. Irgendwann später fängt man an Knochen zu lieben und selber Knochen sein zu wollen. Man findet Essen mehr interessant als lebensnotwendig und informiert sich gut darüber. Versucht sich gesünder zu ernähren. Rutscht ab. Isst Chips. Egal, morgen. Isst Schokolade. Egal, morgen wirklich. Man ist den ganzen Tag nur einen Apfel. Geschafft. Abendessen. Abendessen? Nein, bitte nicht. Man verliert die Kontrolle und isst zwei Teller Reis. Man hasst sich.
In der Mittelstufe hat man sich inzwischen daran gewöhnt, dass man anders ist und alle anderen jemanden komisch anguckt wenn man seine Gedanken ausspricht, nicht weil man es tut, sondern einfach weil sie seltsam sind. Also spricht man weniger und weniger und manchmal hört man für mehrere Tage damit auf. Wenn jemand eine wichtige Frage stellt dauert es erstmal länger bis man antwortet. Teilweise, weil man erst überlegt, ob man seinen eigenen Rekord brechen soll. Teilweise, weil man erstmal die Stimme wieder finden muss, erstmal wieder herausfinden muss wie Sprechen überhaupt funktioniert. Die Menschen gewöhnen sich an deine Stimme und gewöhnen sich an deine Art und keiner reagiert dir gegenüber noch gemein weil sie wissen wie zerbrechlich du bist oder wie schnell die ausrasten kannst. Man verdient sich Respekt von den richtigen Personen und das Leben läuft schon. Es startet und man bemerkt es nicht, bis zu dem gewissen Zeitpunkt, an dem das Leben kurz stoppt.
"Ich hing in der Luft, und dort ist es schön, weil keiner Fragen
stellt und weil keiner sich wundert, wo man hingeht
oder wo man gewesen ist. Das Leben ist ein
großer, tanzender Bär, ein Grateful-Dead-Aufkleber
auf dem Fenster eines alten Volvo. Die Leute
sprechen von Karma und es ist sehr leicht, sehr sehr leicht,
daran zu glauben, daß alles unvermeindlich ist und daß man
nichts tun kann, außer sich zurückzulehnen und zuzusehen,
wie das Leben vorübergeht. So ist das Leben.
Aber ein Mensch wie ich, ein Mensch, der eigentlich immer
ein Projekt braucht, kann nicht lange ohne ein Ziel leben."
- Alice Im Hungerland von Marya Hornbacher
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