Ich schrak auf, zog panisch mein T-Shirt runter und drehte mich zu ihr. "Was?", fragte ich und sah auf den Boden. Gefüllt von Scham, ich schämte mich dafür, erwischt worden zu sein. Erwischt worden zu sein, wie ich mich ansehe.
"Der Spiegel. Er lügt. Du bist dünn. Du bist sehr dünn, weißt du, dass Jungs keine abgemagerten Mädchen mögen? Schon mal darüber nach gedacht, dass jedes Mädchen von Knochen angeekelt wird? Erwachsene machen sich Sorgen über dünne Menschen, und so dünn wie du inzwischen bist, würden sich kleine Kinder vor dir erschrecken.", sie sah nicht eine Sekunde von mir weg. Sah nicht einmal auf meinen Körper, nur in meine Augen. "Wo ist dein Lächeln?", fragte sie und sah sich im Zimmer um, als würde es dort rumliegen, zwischen den Bergen von Büchern, Kuscheltieren und Klamotten.
"Ich hab's verloren. Ich glaub in der Stadt. Oder irgendwo zwischen Realität und meinem Gehirn.", ich sah sie nicht an und murmelte nur leise.
Dann fing sie wieder meinen Blick auf, lief auf mich zu, hielt mich an meinen Schultern und so standen wir einige Minuten einfach nur da.
"Hast du Hunger?", sie ließ mich nicht eine Minute aus den Augen. "Nein.", sagte ich fest.
"Okay.", sie blieb in der selben Stellung stehen. Ihre Hände auf meinen Schultern, beide starr wie Stöcke.
Starrten uns an. "Ich muss mir was anderes anziehen..", sagte ich uns machte mich von ihrem Griff los, dann ging ich auf einen Klamottenberg zu und fischte einen zu großen Pulli heraus.
Sie riss ihn mir aus der Hand. "Wenn du schon so dünn bist, wieso willst du nicht dass man es sehen kann?", ihr Blick füllte sich mit Zorn und Hass und Wut und Trauer und Mitleid und Sorge.
"Will ich. Mir ist nur kalt.", murmelte ich und ließ mich auf den Boden plumpsen. "Kannst du damit aufhören? Bitte?", Claire setzte sich vor mich und hielt den Pulli fest in ihren Armen. Ihre Stimme hatte Sorge in sich. Ihre Hände zitterten und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann lief die erste. "Bitte. Hör damit auf. Ich kann nicht mit der Angst leben, dich zu verlieren."
Sie weinte. Und es war mir vollkommen egal. Natürlich, tat sie mir irgendwie Leid. Aber es war verdammt nochmal meine scheiß Sache. Ich umarmte sie. "Ich habe schon längst aufgehört.", sagte ich und log.
"Hüte dich vor dem Spiel, vor des Schauspielers Rolle
Der Rede, die entworfen, gelernt, gesprochen wird, denn
sie wird dich verraten, und dann stehst du da, wie ein
nackter kleiner Junge, der in sein Kinderbettchen pinkelt." - Anne Sexton, 1974

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